Ohne BH: Auch Kendall Jenner macht bei #NoBra mit

Eine Frau flaniert an einem Café vorbei. Sie trägt ein dunkelblaues Seidenkleid mit fadendünnen Trägern. Ihre Haare wehen. Sie ist schön. Selbstbewusst. Unter dem Stoff ihres Kleides bewegt sich etwas, bei jedem Schritt – ihre Brüste.

Berlin im Sommer 2016. Die Frauen machen Pause. Pause von Cups und Bügeln.

Bei Instagram findet sich dafür schon ein eigener Hashtag: #brafree, ohne BH. Wer danach sucht, sieht Fotos von Frauen, die ihren ungestützten Busen vorzeigen.

Auch Hollywood hat nur noch wenig für den BH übrig. Kendall Jenner, Model und kleine Schwester der Internetnabelschau-Königin Kim Kardashian, besitzt einige T-Shirts, die im Blitzlicht der Paparazzi durchsichtig erscheinen – und freie Sicht auf ihren Vorbau gewähren. Der „Busenblitzer“ wird zum modischen Statement. Heidi Klum setzt auf flatternden Stoff und weite Schulterausschnitte – ebenfalls ohne BH. Und selbst weniger sendungsbewusste Frauen wie Jennifer Aniston und der Comedystar Amy Schumer gehen „bra free“.

Der Sommer 2016 trägt keinen Büstenhalter

Es scheint, als seien sie alle Schirmfrauen einer neuen Kampagne der Natürlichkeit. Als wollten sie in Erinnerung rufen, dass Brüste in ihrem Urzustand nur sehr selten fußballrund sind, sondern auch mal oval oder spitz, fest oder weich, mit Nippeln, die mal nach rechts oder links weisen, mal nach oben oder unten.

Unter dem T-Shirt oben ohne – ein Ausdruck der weiblichen Selbstbestimmung.

Schon immer ging es beim BH um mehr als Mode. Die in ihm verpackten Brüste müssen so viel zugleich sein: Geschlechtsmerkmal, Nährer neuen Lebens, Verführer und Vorkämpfer. Mary Phelps Jacob knüpfte 1914 aus zwei Seidentaschentüchern und ein paar Bändern den ersten Halter und befreite die Damen so aus dem Korsett. Für die Frauenbewegungen der 60er Jahre symbolisierte der BH patriarchale Strukturen und Unfreiheit. Anlässlich der Wahlen zur Miss America 1968 warfen Frauenrechtlerinnen die „Instrumente weiblicher Folter“ öffentlichkeitswirksam in einen Freiheits-Mülleimer. Weil einige Zeitungen schrieben, die Vorkämpferinnen hätten die Tonne angezündet, verbrannten fortan Frauen im ganzen Land ihre BHs.

Dann kam der Gegenschlag.

Es war im Jahr 1994. Die Lingerie-Firma „Wonderbra“ plakatierte auf die Billboards in Amerikas Straßen ein Schwarz-Weiß-Foto von Supermodel Eva Herzigová. Darauf blickte sie mit laszivem Lachen in ihr von einem schwarzen Spitzen-Push-up in Form gequetschtes Dekolleté. Daneben stand: „Hello Boys“. Autos stoppten, Menschen starrten. Es kam zu Staus, zu Unfällen gar.

Die Freiheitsberaubung des Busens

Auch wenn Feministinnen damals weltweit wüteten – seit dieser Zeit hat der Busen eine Art Freiheitsberaubung erlebt. Bügel und Spitze reichten nicht mehr, ganze Schaumstoffkissen umschlossen den Inhalt. Der Büstenhalter wurde zum Werkzeug erotischer Größenschummelei – zu einer Festung der falschen Fantasie.

Fortan galt die Regel, dass Brüste rund zu sein hatten, und am besten eng aneinandergeschmiegt. Riesenbusen-Fundamentalistinnen ließen sich Silikonkissen einoperieren, bei allen anderen musste der BH nachhelfen. 60-Jährige trugen auf einmal den gleichen Vorbau wie 20-Jährige. Die Schaumstoffära schenkte den Frauen eine neue Sicherheit. Nichts wackelte. Selbst bei Kälte zeichnete sich nichts ab. Eine jede trug brav zwei normierte Halbkugeln spazieren.

Die Professorin Barbara Vinken, Autorin von Büchern über Feminismus und Kleidung, erkennt in der neu geübten Ablehnung des BHs auch eine Rückbesinnung auf die wilde, freie Flower-Power-Zeit. Sie sagt: „Viele Frauen sind der körperlichen Normierung der vergangenen 20 Jahre überdrüssig.“ Einer Zeit, deren optische Ideale auch von der Pornoindustrie geprägt waren. Dazu passt die Tatsache, dass heute unter den Achseln der Frauen wieder Haare sprießen und leidenschaftlich über Intimrasur gestritten wird. Die Pornoästhetik wird mit Natürlichkeit bekämpft. „Ich spüre einen Mut, auszuscheren, abzuweichen und aufzubegehren“, sagt Vinken. Dafür lassen sich die Frauen auch von jenen als anrüchig bezeichnen, die den Busen lieber in ein Körbchen verpackt wissen mögen. „Frauen besitzen eine neue Nonchalance“, beobachtet Vinken, „sie gehen mit einer gewissen Ironie aus dem Haus.“

Zudem habe die Halterlosigkeit mit den aktuellen Stiltrends zu tun: „Die Mode rückt ab vom aufgepolsterten Körper.“ Auf den Laufstegen und in den Boutiquen sieht man flatterige Chiffonstoffe, Kleider mit großen Rückenausschnitten, Negligés für den Tag. Wäschefirmen werben mit Triangelbustiers, die den Busen allenfalls halten, aber nie formen. „An die Stelle des Pin-up-Ideals tritt wieder die Garçonne, die knabenhafte Frau“, sagt Vinken.

Beim Sport sieht's anders aus

Auf der Seite brafree.org bewerben Aktionistinnen die neue Freiheit gar als gesundheitsfördernd. Die Brust straffe sich ohne Bügel von ganz allein, außerdem würden keine Lymphflüsse durch enge Bügel und viel Stoff unterbrochen, was das Risiko für Brustkrebs senke. Zwar gibt es bislang keine valide Studie, die BH-Trägerinnen ein größeres Brustkrebsrisiko bescheinigt, und Ärzte raten weiterhin, gerade beim Sport einen BH zu tragen, damit das Brustgewebe nicht erschlaffe – doch die Gedanken der Aktionistinnen haben trotzdem viele überzeugt, zumindest einen Sommer lang.

Frauen – und gern auch Männer – dürfen die Neuentdeckung der Nippel einfach als das ehren, was sie ist: ein wiedergewonnenes Stück Echtheit.Lesen Sie mehr auf:abendkleider online | abschlusskleider kurz